Wo Regen ist, ist auch Sonnenschein. Wo Freude ist, darf auch Wut sein.
Ich frage mich immer wieder, warum wir die Gefühle anderer Menschen so schnell bewerten.
„Das ist aber ganz schön laut.“
„Warum bist du denn so wütend?“
„Jetzt beruhig dich doch mal.“
„Du hast dich ja überhaupt nicht im Griff.“
Gerade bei Erwachsenen scheint es eine unausgesprochene Regel zu geben: Gefühle sind erlaubt – solange sie bitte nicht zu sichtbar, zu laut oder zu unbequem werden.
Dabei bringen wir unseren Kindern etwas ganz anderes bei.
In der Kita sagen wir: Du darfst traurig sein. Du darfst wütend sein. Du darfst dich freuen. Deine Gefühle dürfen da sein.
Natürlich bedeutet das nicht, dass jedes Verhalten erlaubt ist. Ein Kind darf wütend sein, aber es darf deshalb kein anderes Kind schlagen. Es darf laut werden, und gleichzeitig lernen wir, dass die anderen Kinder sich weiterhin verständigen können müssen.
Aber wir sprechen dem Kind sein Gefühl nicht ab.
Warum fällt uns das als Erwachsenen so schwer?
„Ich bin wütend.“
Was wäre, wenn ich in einer Beziehung einfach sagen dürfte:
„Hey, ich bin gerade stinksauer.“
Nicht als Angriff. Nicht als Forderung. Nicht als Botschaft: Du musst jetzt dafür sorgen, dass meine Wut verschwindet.
Sondern als ehrliche Mitteilung:
Das ist gerade in mir.
Vielleicht möchte ich dir sogar erzählen, warum.
„Ich bin wütend, weil du gerade das und das gesagt hast.“
„Ich bin verletzt, weil ich mich nicht gesehen gefühlt habe.“
„Ich ärgere mich gerade so sehr über diese Situation.“
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir Erwachsenen etwas verlernt haben:
Ein Gefühl im Kontakt mit einem anderen Menschen zu zeigen.
Denn sehr schnell kommt der Rat:
Reguliere dich erst einmal.
Geh raus.
Beruhige dich.
Atme.
Sprich später darüber, wenn du wieder vernünftig bist.
Natürlich kann das manchmal genau richtig sein.
Aber ist das wirklich immer der erste Schritt?
Müssen wir unsere Gefühle immer erst alleine regulieren?
Ich frage mich das immer mehr.
Denn vielleicht entsteht Regulation nicht immer vor der Beziehung.
Vielleicht entsteht Regulation manchmal durch Beziehung.
Vielleicht braucht ein Mensch in diesem Moment nicht Abstand, sondern einen anderen Menschen, der sagen kann:
„Okay. Du bist gerade richtig wütend. Erzähl mir.“
Was für ein anderer Raum könnte dadurch entstehen.
Ich muss deine Wut nicht wegmachen.
Ich muss dir nicht erklären, warum du eigentlich gar keinen Grund hast, wütend zu sein.
Ich muss mich auch nicht sofort verteidigen.
Ich kann einfach erst einmal zuhören.
Deine Wut darf da sein.
Und ich darf trotzdem bei mir bleiben.
Gefühle gemeinsam halten
Vielleicht ist das etwas, das wir Erwachsenen viel zu wenig miteinander können:
Gefühle gemeinsam halten.
Wir können Gefühle inzwischen sehr gut benennen. Wir sprechen über Selbstregulation, Nervensystem, Grenzen und Trigger.
Und all das ist wichtig.
Aber manchmal wird daraus fast eine neue Erwartung:
Du musst deine Emotionen selbst regulieren.
Als wäre emotionale Reife gleichbedeutend damit, dass ich mit allem, was in mir passiert, alleine klarkommen muss.
Aber wir Menschen sind nicht dafür gemacht, alles alleine zu tragen.
Wir regulieren uns selbst.
Und wir regulieren uns miteinander.
Ein sicherer Mensch kann mir helfen, in meinem Gefühl zu bleiben, ohne darin unterzugehen.
Das bedeutet nicht, dass er meine Wut übernehmen muss.
Es bedeutet auch nicht, dass er mir recht geben muss.
Es bedeutet nur:
Du musst mit deinem Gefühl gerade nicht alleine sein.
Wut ist nicht automatisch ein Angriff
Vielleicht haben wir deshalb so große Schwierigkeiten mit Wut.
Weil wir Wut sofort mit Aggression verwechseln.
Aber Wut und Aggression sind nicht dasselbe.
Ich kann wütend sein, ohne dich abzuwerten.
Ich kann laut sagen, dass mich etwas gerade unglaublich ärgert, ohne dich zu beleidigen.
Ich kann sagen:
„Ich bin gerade so wütend auf dich, dass ich kaum weiß, wohin mit mir.“
Und das ist zunächst einmal eine Mitteilung.
Natürlich gibt es eine Grenze.
Ich darf nicht schlagen.
Ich darf dich nicht bedrohen.
Ich darf dich nicht beschimpfen und anschließend sagen: „Aber ich war halt wütend.“
Das Gefühl ist erlaubt. Das Verhalten bleibt meine Verantwortung.
Aber daraus folgt nicht, dass ich mein Gefühl verstecken muss.
Vielleicht ist „sich im Griff haben“ die falsche Vorstellung
Wir sagen so oft:
„Der hat sich nicht im Griff.“
Aber was meinen wir damit eigentlich?
Dass dieser Mensch etwas fühlt, das wir unangenehm finden?
Dass er seine Emotion sichtbar macht?
Dass wir selbst nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen?
Vielleicht müssen wir unsere Vorstellung von Selbstbeherrschung verändern.
Vielleicht bedeutet emotionale Reife nicht:
„Ich habe meine Gefühle jederzeit unter Kontrolle.“
Sondern:
„Ich kann fühlen, was ich fühle, und trotzdem Verantwortung für mein Verhalten übernehmen.“
Das ist etwas völlig anderes.
Ich darf wütend sein.
Du darfst meine Wut wahrnehmen.
Du musst sie nicht lösen.
Und ich muss dich nicht verletzen, nur weil sie gerade da ist.
Und manchmal brauche ich trotzdem Abstand
Natürlich gibt es Situationen, in denen wir merken:
Ich kann gerade nicht mehr zuhören.
Ich werde gerade so aufgewühlt, dass ich gleich Dinge sagen werde, die ich später bereue.
Dann kann Abstand genau richtig sein.
Aber auch hier macht die Art einen Unterschied.
Nicht:
„Lass mich in Ruhe. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben.“
Sondern:
„Ich bin gerade so aufgewühlt, dass ich eine Pause brauche. Ich möchte aber danach wieder mit dir sprechen.“
Das ist keine Ablehnung der Beziehung.
Es ist ein Schutz für die Beziehung.
Aber vielleicht sollte das nicht automatisch der erste Schritt sein.
Vielleicht darf der erste Schritt manchmal auch einfach sein:
„Ich möchte dir sagen, was gerade in mir los ist.“
Und der andere antwortet:
„Ich bin da. Erzähl.“
Warum halten wir die Gefühle anderer so schlecht aus?
Vielleicht, weil die Emotion des anderen in uns selbst etwas auslöst.
Wenn jemand wütend wird, fühlen wir uns angegriffen.
Wenn jemand enttäuscht ist, fühlen wir uns schuldig.
Wenn jemand weint, bekommen wir das Bedürfnis, es sofort besser zu machen.
Und wenn jemand sehr emotional wird, geht unser eigenes System vielleicht in Alarmbereitschaft.
Dann hören wir nicht mehr:
„Ich bin gerade wütend.“
Wir hören:
„Du bist schuld.“
Oder:
„Du musst das jetzt lösen.“
Oder:
„Unsere Beziehung ist in Gefahr.“
Und schon versuchen wir, das Gefühl des anderen möglichst schnell zu beenden.
„Beruhig dich.“
„Übertreib nicht.“
„So schlimm ist es doch gar nicht.“
„Jetzt mach doch kein Drama.“
Dabei müssen wir die Emotion des anderen gar nicht wegmachen.
Wir dürfen sie einfach aushalten.
Beim Autofahren dürfen wir plötzlich wütend sein
Und dann muss ich manchmal an das Autofahren denken.
Da sitzen wir alleine in unserem kleinen geschützten Raum und plötzlich ist es gesellschaftlich erstaunlich akzeptiert, laut zu fluchen, sich aufzuregen und seinem Ärger freien Lauf zu lassen.
Da darf die Wut raus.
Vielleicht, weil niemand direkt neben uns sitzt und von unserer Emotion emotional berührt werden muss.
Aber warum können wir das in unseren Beziehungen so selten?
Warum darf ich im Auto schreien:
„Bist du eigentlich völlig bescheuert?!“
Aber wenn ich meinem Partner sage:
„Ich bin gerade richtig sauer auf dich“,
wird plötzlich erwartet, dass ich das erst einmal mit mir selbst ausmache?
Vielleicht sollten wir uns fragen:
Warum ist es so schwer, die Wut eines Menschen auszuhalten, den wir lieben?
Du darfst fühlen. Ich darf fühlen.
Vielleicht liegt darin eine ganz andere Form von Freiheit.
Nicht die Freiheit, alles ungefiltert am anderen auszulassen.
Sondern die Freiheit, nicht jedes Gefühl verstecken zu müssen.
Du bist wütend.
Okay.
Ich muss deine Wut nicht bekämpfen.
Ich muss sie nicht übernehmen.
Ich muss sie nicht lösen.
Ich muss auch nicht sofort beweisen, dass du Unrecht hast.
Ich kann einfach da sein.
Und du darfst gleichzeitig lernen, deine Wut so auszudrücken, dass ich nicht zum Ziel deiner Wut werden muss.
Vielleicht ist genau das emotionale Reife:
Ich kann deine Gefühle aushalten, ohne mich selbst zu verlieren.
Und du kannst deine Gefühle zeigen, ohne mich dafür verantwortlich zu machen.
Dann müssen wir uns vielleicht auch nicht immer voreinander schützen.
Wir müssen nicht warten, bis wir wieder vollkommen ruhig und vernünftig sind, bevor wir uns zeigen dürfen.
Manchmal darf ich einfach kommen und sagen:
„Ich bin gerade wütend.“
Und du sagst:
„Ich weiß. Ich sehe es. Erzähl mir, was passiert ist.“
Vielleicht entsteht genau dort Beziehung.
Nicht erst, wenn alle Gefühle wieder ordentlich sortiert sind.
Sondern mitten darin.
Wo Regen ist, ist auch Sonnenschein.
Wo Freude ist, darf auch Wut sein.
Und vielleicht dürfen wir Erwachsenen endlich wieder lernen, dass ein Gefühl nicht verschwinden muss, damit Nähe möglich bleibt.
Und vielleicht dürfen wir uns gegenseitig wieder mehr Raum geben, genau das zu fühlen, was gerade da ist.
Und genau darüber möchte ich beim nächsten Glücksabend mit euch sprechen.
Nicht darüber, wie wir unsere Gefühle noch besser kontrollieren können.
Sondern darüber, wie wir ihnen Raum geben können – und wie wir es aushalten können, wenn ein anderer Mensch gerade mitten in seinem Gefühl steht.
Wie können wir einander wirklich zuhören, wenn es emotional wird?
Wie können wir sagen, was in uns los ist, ohne den anderen damit zu überrollen?
Und wie können wir lernen, die Gefühle des anderen nicht sofort kleiner machen, lösen oder wegregulieren zu wollen?
Vielleicht müssen wir dafür gar nicht noch mehr lernen.
Vielleicht müssen wir uns manchmal einfach wieder erlauben, Mensch zu sein.
Ich freue mich auf diesen Abend mit euch – auf ehrlichen Austausch, auf unterschiedliche Perspektiven und auf die Frage, was passiert, wenn wir uns gegenseitig nicht mehr vor unseren Gefühlen schützen müssen.
Wenn du Lust hast, dich genau darauf einzulassen, dann komm zum nächsten Glücksabend.
Denn vielleicht beginnt Glück nicht dort, wo immer alles leicht ist.
Vielleicht beginnt es dort, wo alles da sein darf.
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☘️Andrea Autenrieth .